Medizinische Versuche, Kinderarbeit, Folter und Demütigungen – zunehmend kommt zur Sprache, was Kinder und Jugendliche in Heimen der Behindertenhilfe, der Psychiatrie und der Jugendhilfe an physischer, psychischer und sexueller Gewalt zwischen 1945 und den 80er Jahren erleben mussten. „Trotz Geltung des Grundgesetzes und der darin verankerten Menschenwürde wurden elementare Menschenrechte in Heimen systematisch verletzt. Es gehtnicht um Vergeltung, sondern um Gerechtigkeit“, erläuterte Manuela Nicklas-Beck zu Beginn ihres Statements im Rahmen des Expertengesprächs „Gewalt in Einrichtungen der Behindertenhilfe und Psychiatrie“ am 19. Dezember 2019 auf Einladung des Ausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe des Deutschen Bundestages in Berlin. Als Betroffenenvertreterin im regionalen Fachbeirat der Stiftung Anerkennung und Hilfe in Schleswig-Holstein und erste Vorsitzende der Betroffenenvertretung „Pebbles“konnte siedie Vorsitzende des Ausschusses, die Kieler Bundestagsabgeordnete Gyde Jensen (FDP), für die Auseinandersetzung mit diesem anspruchsvollen Thema gewinnen. Neben Abgeordneten aller Fraktionen (außer der AfD) nahm auch der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, Jürgen Dusel, sowie Dr. Britta Schlegel vom Deutschen Institut für Menschrechte an dem zweistündigen Expertengespräch teil.
Zunächst berichtete Antje Christiansen, Beraterin der Stiftung Anerkennung und Hilfe in der Anlauf- und Beratungsstelle in Schleswig-Holstein, von ihrenErfahrungen aus der Beratungstätigkeit. Sie stellte fest, dass viele Betroffeneohne Unterstützung durch Einrichtungen und Betreuer nicht in der Lage sind,ihre Leistungsansprüche geltend zu machen.
Anschließend referierte die Pharmazie-Historikerin Dr. Sylvia Wagner in ihrem Beitrag zu Arzneimittel- und Menschenversuchen an Heimkindern in der BRD (1945-1975) über den Einsatz von Impfstoffen, Psychopharmaka und triebhemmenden Medikamenten, die ohne Einwilligung der Betroffenen oder deren Eltern für Studien verabreicht wurden oder – im Falle von Beruhigungsmitteln – der Aufrechterhaltung der institutionellen Strukturen dienen sollten. Neben Einrichtungen und Behörden ermöglichten auch Ärzte und Pharmaunternehmen die Versuche und degradierten damit Menschen zu Objekten der Forschung.
Helfried Gareis, der zweite Vorsitzende von „Pebbles“, thematisierte neben der damaligen „schwarzen Pädagogik“ insbesondere die Bildungseinschränkungen und die Ausbeutung durch Zwangsarbeit, denen Kinder und Jugendliche im Heimwesen der Nachkriegszeit häufig aus wirtschaftlichen Gründen ausgesetzt waren. Auf diese Weise sollten Personalkosten beispielsweise in der Hauswirtschaft eingespart oder durch Leiharbeit in der Landwirtschaft der Heim-Etat aufgebessert werden. Schulabschluss oder Berufsausbildung waren für Heimkinder eher eine Ausnahme.
Der Operationalisierung von Menschenrechtsverletzungen im Begriff des „Eigenstandschadens“ als staatliche Herausforderung zur Sicherung und Tradierung der grundgesetzlichen Werteordnung widmete sich Prof. Dr. Jürgen Eilert, der eine Professur für Theorien der Sozialen Arbeit an der CVJM-Hochschule in Kassel innehat. Die Fähigkeit, eigenständig Rechte für sich oder andere überhaupt geltend machen zu können, wurde laut seinen Ausführungen durch die entwürdigenden und willkürlichen Bedingungen in den Einrichtungen schwer beschädigt. Die erfahrenen sozialen, psychischen, körperlichen und pharmakologischen Misshandlungen wirkten sich als schwere Körperverletzung mit lebenslangen Folgen besonders auf die Gehirnreifung aus. Die daraus entstandenen Traumafolgestörungen erschweren massiv die Teilhabe am Arbeitsleben und der Zivilgesellschaft, die Familiengründung sowie die Pflege von Beziehungen und widersetzen sich damit der Verwirklichung des Grundgesetzes.
Diplompsychologe Dr. Burkhard Wiebel von der Ruhr-Universität Bochum ging auf die naturwissenschaftlich fassbaren Folgen der Menschenrechtsverletzungen im deutschen Heimsystem zwischen 1945 und 1973 ein. Dabei bezog er sich auf Forschungsergebnisse, die belegen, dass die damalige Heimerziehung durch fehlende oder schädliche Einflüsse auf die Entwicklung des Gehirns die Fähigkeit zur Anpassung an Umfeld und Umwelt erschwert oder sogar unmöglich gemacht hat. Denn als menschliches Beziehungsorgan wird das Gehirn als einziges Organ durch sich ständig wiederholende Entwürdigungen so verletzt, dass die dadurch hervorgerufene Kampf- und Fluchtbereitschaft ein nahezu unerträgliches Maß an chronischem Stress hervorruft. Ehemalige Heimkinder sind dadurch anderen gegenüber also permanent im Nachteil und müssen spezifische Fähigkeiten entwickeln, um dies auszugleichen.
Mit der Rechtlosigkeit und der Ohnmacht ehemaliger Heimkinder beschäftigte sich EstherPeylo, die das Projekt Ombudschaft Jugendhilfe Baden-Württemberg leitet. Kinder und Jugendliche in staatlicher oder kirchlicher Obhut erlitten Unrecht in einem Rechtsstaat, weil sich die schon damals existierende Heimaufsicht nicht um die Durchsetzung des Rechts kümmerte. Dadurch wurde der Machtmissbrauch innerhalb geschlossener Systeme erst ermöglicht und im Prinzip Beihilfe durch Unterlassen geleistet. Durch die Ohnmachtserfahrungen dieser gezielten Menschenrechtsverletzungen können die Betroffenen der Heimerziehung nur unter erschwerten Bedingungen die Verwirklichung ihrer Rechte durchsetzen und sich im politischen Diskurs unserer Demokratie selbst Gehör verschaffen. Hier setzt ombudschaftliche Beratung an. Sie trägt zu einem Machtausgleich bei, indem sie einerseits als Hilfe zur Selbsthilfe Empowerment bewirkt und andererseits als externe Beschwerdemöglichkeit geschlossene Systeme durchlässig macht und einen verantwortungsvollen und sensiblen Umgang mit Macht in Institutionen wie der Jugendhilfe gewährleistet.
Abschließend nahm Prof. Dr. jur. Jan-Friedrich Bruckermann, Professor für Gesundheits- und Sozialrecht an der Fachhochschule für Ökonomie und Management in Köln, eine rechtliche Einordung der Menschenrechtsverletzungen an ehemaligen Heimkindern und eine Analyse der daraus resultierendenReformbemühungen in der Heimunterbringung vor. Um die Heimbewohnerinnen und -bewohner effektiv vor Übergriffen zu schützen und ihrer Menschenwürde gerecht zu werden, sind gesetzliche Vorgaben, dauerhafte Kompetenzvermittlung in Ausbildung und Praxis, Entwicklung von Beteiligungs- und Beschwerdemöglichkeiten sowie eine effektive öffentliche Aufsicht notwendig.
Alle Expertinnen und Experten setzen sich für eine offizielle Anerkennung der geschilderten Vorgänge als Menschenrechtsverletzung und einen niederschwelligen Zugang für Betroffene der Heimunterbringung zu Entschädigungsleistungen ein.
Bild könnte enthalten: Text „ebbles Vertretung für Betroffene von Leid und Unrecht in Einrichtungen der Psychatrie, Behinderten- und Jugendhilfe von 1949 bis jetzt“